21. Januar 2021

“Wir sind quasi eine Patchworkfamilie XXL” (Teil 6)

Nicole hat gemeinsam mit ihrem Mann Thomas Kommer zwei leibliche Söhne, Sven und Jens, und fünf Pflegetöchter: Cansu, Jessica, Lucia, Mary-Ann und Alöna. Sie sind Teil des Bethanien Kinderdorfs in Schwalmtal. Hier leben insgesamt 140 Kinder, die aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können. 

Die Antworten der Pflegekinder findet ihr ebenfalls auf diesem Blog in den anderen Beiträgen. 


Was macht eine Familie für Sie aus?

Familie macht für mich aus, dass man als Gemeinschaft zusammenlebt und einander respektiert aber auch gegenseitige Rücksichtnahme lernt. Für mich ist es wichtig, sich in der Familie so sicher und geborgen zu fühlen, dass man sich auch traut mal seine negativeren Seiten und Launen zeigen zu dürfen. Auch in der Familie finde ich es wichtig die Einzigartigkeit eines jeden zu akzeptieren und zu lernen sich selbst auch mal zurück zu nehmen und die eigenen Sichtweisen auch mal zu verlassen und Horizonte zu erweitern. Familie heißt aber vor allem auch miteinander Lachen zu können, Spaß zu haben und Abenteuer zu erleben.

Was ist für Sie das Besondere an ihrer Familie?

Das Besondere an meiner Familie ist es, dass es immer wieder neue Entscheidungen gibt, neue Kinder in unsere Familie mit auf zu nehmen. Außer unsere zwei leiblichen Kinder haben unsere Kinder alle eine Herkunftsfamilie, bei der sie leider nicht länger leben konnten. Wir nehmen quasi ganze Familien in unsere Familie mit auf, um gemeinsam als neue Lebensgemeinschaft allen hier lebenden Kinder/Jugendliche Sicherheit, Geborgenheit eben ein Zuhause zu geben. Wir sind quasi eine Patchworkfamilie xxL. Besonders ist an uns, dass wir glaube ich besonders viel Humor mit in die Gemeinschaft mit reinbringen und sehr aktiv sind. Klettern, Abenteuerwandern, Rafting, Wildwasserschwimmern, Canyoning … all sowas wird an Wochenenden oder im Urlaub gemeinsam erlebt und ausprobiert. Grenzen testen, einander Helfen, motivieren aber auch trösten all das wird als Gemeinschaft Familie gemeistert. Das ist der Ausgleich dafür, dass es hier schon sehr schwierige Themen und Herkunft Geschichten zu verarbeiten gilt. Dass es viele Traurigkeiten und schlimme Erfahrungen gibt, die es im Hier und Jetzt erschweren, Familie zu sein oder zu werden.

Was ist ihr schönster Familienmoment?

Es gibt für mich nicht den einen schönsten Familienmoment. Ein unvergesslicher Moment war auf jeden Fall auch die Geburt meiner zwei Söhne. Die Freude über ihr Dasein auch in den Augen der Pflegekinder. Der Stolz und das Gefühl von „Ich kann was“, wenn wir alle als Familie nach einer anstrengenden Klettertour einen Gipfel erreichen. Der Moment, wenn meine ganzen Kinder und teilweise auch die, die inzwischen selbst erwachsen sind, an Weihnachten in Reih und Glied vor der Türe stehen und darauf warten im Wohnzimmer zu gucken was „das Christkind“ gebracht hat. Momente, wenn ich am gefüllten Abendbrottisch sitze, in die Runde schaue und einfach nur von Freude und auch Stolz erfüllt bin, weil ich alle meine Kinder und Jugendlichen einfach nur unfassbar toll und liebenswert finde. So könnte ich unendlich viele größere und kleinere Glückmomente aufzählen, die zu schönsten Familienmomenten gehören.

Reagieren andere / die Gesellschaft auf Ihre Familie? Und wenn ja, wie?

Da gibt es sehr, sehr viele unterschiedliche Reaktionen. Einige, die verwundert bis bewundernd das ganze sehen. Und meinen es wäre eine besondere, aufopfernde Tätigkeit von uns, dass wir so leben. Dies empfinde ich gar nicht so, denn ich opfere mich nicht auf, sondern lebe so wie ich es mir wünsche und wie es mir auch gut geht.  Andere, die eher abgeschreckt sind und uns für total verrückt halten. Es gibt kritische Stimmen, die sich fragen, wie wir unseren leiblichen Kindern so etwas antun konnten. (Diese Sorgen haben wir schon auch ernst genommen, kommen aber im Nachhinein eindeutig zu dem Ergebnis, ja es gab bestimmt auch Einschränkungen und schlimme Erfahrungen, aber wir haben ihnen eine lebendige tolle multikulti bunte Gemeinschaft als Zuhause „angetan“). Wieder andere, die gar nicht erst nachfragen und uns mit Blicken direkt in die Ecke asozial packen und sogar beschimpfen. Alles ist dabei. 

Was wünschen Sie sich für Ihr Kind / Ihre Kinder?  

Dass sie ihren Platz im Leben finden oder gefunden haben. Und, wenn es zu ihrem Lebensmodell gehört, dass sie Menschen um sich haben oder sogar mit ihnen zusammenleben, die ihnen guttun und die sie lieben und von denen sie geliebt werden.  Ich wünsche mir, dass sie oft sagen können, so wie ich lebe ist es ok oder sogar richtig gut. Glücklich sein im Sinne von erfüllt sein und zufrieden.


Hier geht es zu den anderen Beiträgen der Familie Kommer:

Cansu, 14 Jahre

Jessica, 16 Jahre

Lucia, 12 Jahre

Mary-Ann, 15 Jahre

Alöna, 13 Jahre