26. März 2015

Digitale Cowboys auf der South by Southwest

Benjamin Feld, Geschäftsführer der Mixtvision Digital GmbH, reiste als Teil der Bayerischen Delegation zur Technologiemesse SXSW 2015 nach Austin / Texas. Seine Eindrücke fasst er hier zusammen.

Amerika. Kontinent des „Think Big“. Wo, wenn nicht hier, sollte also die weltweit größte Messe für Interactive, Film und Musik stattfinden?
Dass diese ausgerechnet in Austin, Texas, das ansonsten vor allem für Öl, Cowboys, Barbecue und Tacos bekannt ist, veranstaltet wird, würde man vielleicht nicht unbedingt erwarten. Austin entpuppt sich allerdings bereits nach kurzer Eingewöhnung als perfekter Gastgeber für ein Event, das sich vielleicht am besten als globales Medien- und Technologiefestival beschreiben lässt und damit zumindest für zwei Wochen im Jahr dem technikaffinen und hippen San Francisco und dem kosmopolitischen New York den Rang abläuft.

Für mich persönlich ist es das erste Mal, dass ich an der SXSW teilnehme. Ich bin Teil der bayerischen Delegationsreise, die erstmalig vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie organisiert wurde und der circa 30 Personen angehören. Wir wohnen gemeinsam in angemieteten Häusern etwas außerhalb, was der Gruppendynamik und Kommunikation extrem gut tut und zu regem Austausch und gutem Miteinander führt.
Für Begegnungen während der SXSW bietet neben dem Messestand vor allem das „German Haus“ eine gute Gelegenheit, mit deutschen Teilnehmern und Delegationen aus anderen Bundesländern bei Weißwurst oder Fischbrötchen zusammenzukommen.

Am Tag vor Messebeginn besuchen wir zunächst noch das Büro des Bürgermeisters und werden über die Vorteile von Austin für Start-Ups und Investoren aufgeklärt. Beim anschließenden Besuch in „The Factory“, einem texanischen Start-Up Inkubator, konnten wir uns davon selbst überzeugen. Nicht zuletzt wegen seiner robusten und aufsteigenden Start-Up Szene zählt Austin derzeit zu einer der am schnellsten wachsenden Städte Amerikas.
Anschließend statten wir dem Gamedeveloper Cloud Imperium einen Besuch ab, der aktuell an einem epischen Science-Fiction Spiel arbeitet, das komplett über Crowdfunding finanziert wurde – mit über 70 Millionen US Dollar! Damit ist Cloud Imperium das derzeit erfolgreichste Unternehmen, das von seinen Fans eine so hohe Summe einsammeln konnte, noch bevor das Produkt überhaupt am Markt ist. Allerdings bleibt es spannend zu sehen, ob das Spiel den hohen Erwartungen am Ende auch gerecht werden kann, und falls nicht, was dies für das Crowdfunding-Modell bedeutet.

Am nächsten Tag begeben wir uns dann in den Flow der Messe. Allerdings ist trotz guter Vorbereitung das Angebot so überwältigend, dass man stets bereit sein muss, zu improvisieren, überfüllte Sessions sausen zu lassen und sich darauf einzulassen, sich auch auf unbekanntes Terrain zu begeben. Aber gerade das und die Tatsache, dass man in den langen Schlangen interessante Menschen aus der ganzen Welt kennenlernt, gehören zu den Besonderheiten der SXSW.
Die Bandbreite ist enorm, wenngleich Themen rund um neue Technologien und digitale Services im Vordergrund stehen. Zwischen all den aufbruchsbereiten digitalen Cowboys sind aber auch vereinzelt die ein oder anderen kritischen Stimmen zu hören. Themen wie Datenschutz, die Gefährdung der Demokratie durch Monopolisierung, die Vernichtung von tausenden von Jobs durch die Digitalisierung oder die Gefahren einer überbewerteten Technologie-Blase, die durchaus das Potential hätte, die aus den 2000er Jahren noch zu übertreffen, sind auch hier latent präsent. Ein Umstand, der einer solch hippen Technologie-Messe durchaus gut tut.
Einer der Redner (seines Zeichens Head of TV bei Twitter) war zum Beispiel der Meinung, dass Twitter eine einzige große Party sei, bei der man unbedingt dabei sein müsste, und für viele Amerikaner ist es offensichtlich unverständlich, warum man auf eine Party, die auch noch umsonst ist, verzichten sollte. Aber vielleicht sollte man dabei nicht ganz außer Acht lassen, dass der Kater nach großen Partys meist umso schlimmer ist.

Im Hinblick auf den Schwerpunkt unserer Firma Mixtvision, der auf dem medienübergreifenden Erzählen von guten Geschichten (Neudeutsch: Content) liegt, schiebt sich Virtual Reality (neben Augmented Reality) immer stärker in den Vordergrund.
Da ich zu jenen gehöre, die schon in den 90er Jahren fasziniert die ersten Virtual Reality Brillen auf hatte, bis heute aber noch auf die Einlösung der damals gemachten Versprechen warte, war ich in Bezug auf VR in den vergangenen Jahren äußerst skeptisch. Inzwischen lassen mich aber vor allem zwei Aspekte daran glauben, dass VR tatsächlich das Potential hat, ein „Game-Changer“ werden zu können.
Da wäre erstens die Tatsache, dass Cardboards, wie die von Google, Ende des Jahres Millionen von Smartphone Nutzern ein vollwertiges Virtual Reality-Erlebnis ermöglichen werden, und zweitens, dass „Surround“-Filmkameras Virtual Reality nicht mehr nur in 3D Umgebungen ermöglichen, sondern wir uns in Zukunft auch in „reale“ Welten begeben werden können.
Filmtechnisch gibt es hier zwar noch viele Herausforderungen zu meistern, um aus dem reinen Spektakel auch eine funktionierende Erzählform werden zu lassen, aber es könnte tatsächlich sein, dass wir aktuell der Geburt eines neuen Mediums beiwohnen.
Wenn dem so ist, werden wir in Zukunft immersive Medienerfahrungen vom Homeshopping bis zur Wanderung durch Mittelerde in einer Intensität erleben, wie nie zuvor.

Ein weiterer interessanter Punkt ist die Personalisierung von Geschichten auf dem Smartphone. Durch die auf dem Handy gesammelten Daten in Kombination mit entsprechender Technologie ist es theoretisch möglich, Inhalte in Zukunft immer stärker zu personalisieren, was ebenfalls ein wesentlich emotionaleres und immersiveres Erlebnis von Geschichten ermöglicht, als wir dies heute kennen.

Auch Branded Content ist immer wieder ein Thema. Allerdings nicht nur als Heilsbringer der Content-Produzenten, sondern auch unter Berücksichtigung der Kompromittierung des Inhalts insbesondere in Nachrichtenmedien.
So unterscheiden große Nachrichtenportale aktuell bereits zwischen mehreren Stufen des Sponsorings von Inhalten, die sie für den Leser entsprechend kennzeichnen. Ob dies dem Leser allerdings wirklich immer bewusst ist, dahinter darf man ruhig ein großes Fragezeichen setzen.

Eines der, wenn nicht das wichtigste Thema ist und bleibt natürlich auch auf der SXSW die Frage, wie mit all dem Geld zu verdienen ist.
So versuchen zum Beispiel Vertreter der New York Times und des Guardian auf einem Panel nicht weniger als die Antwort zu finden auf die Frage, ob Medien nicht eigentlich ohnehin schon längst tot seien in einer Welt des „Free-Content“.
Vereinfacht gesagt könnte man hinsichtlich der Business-Modelle wohl zusammenfassen, dass der Kuchen nicht nur nicht gewachsen ist, sondern dass er durch die Umsonst-Ökonomie des Internets eher kleiner geworden ist, gleichzeitig aber immer mehr Teilnehmer ein Stück von ihm abhaben wollen. Darauf werden sich alle Marktteilnehmer einstellen müssen und jeder wird seine individuelle Antwort darauf finden müssen, wie er unter diesen Umständen bestehen kann. Ganz egal, ob es sich dabei um kleine agile Start-Ups, etablierte Internetunternehmen oder traditionelle (Medien-)Unternehmen handelt.

An Inspiration mangelt es bei der SXSW jedenfalls nicht. Egal ob Sessions zu 3D Druckern, Hypertext, Wearables oder Gamedesignworkshops, das Philosophieren über die Technosphäre oder die Fragen, ob Gaming krebskranken Kindern helfen kann und ob In-Vitro-Fleisch in Zukunft nicht täglich auf unserer Speisekarte steht, es gibt eigentlich kein Thema, dass im entferntesten mit Digitalisierung und Medien zu tun hat, welches sich auf der SXSW nicht wiederfindet. Da tut es gut, dass sich am Abend die vielfältigen Eindrücke bei einem Bier und dem obligatorischen Barbecue beim Networking auf einer der unzähligen Partys wunderbar vertiefen lassen. Sollte man aber etwas Abstand von all dem Rummel bevorzugen, kann man sich auch genauso gut dazu entschließen seine Gedanken bei einer der unzähligen Yogastunden zu sammeln oder man nimmt am nächsten Morgen vor den Sessions einfach an dem 10km-Lauf durch die Innenstadt teil.
Als persönliches Fazit hätte ich mir die ein oder andere Session mehr zu Content Themen gewünscht, aber es bleibt dabei: Die SXSW bietet für jeden etwas und ist in ihrer Form ein einmaliges und inspirierendes Erlebnis.

Benjamin Feld

Dieser Artikel erschien in gekürzter Fassung auch in HORIZONT 13/2015