Autorinnenfoto von Alexandra Helmig mit Zitat

Interview mit Alexandra Helmig

Für wen ist dein Roman »Beat vor der Eins« Buch gedacht? 

Es ist ein Roman für Jugendliche, aber da wir uns alle meist sehr gut an diese prägende Zeit erinnern, ist das Buch auch für Erwachsene und Eltern lesenswert, um die Welt aus der Perspektive eines jungen Menschen zu sehen und zu fühlen. Da die Hauptfigur eine junge Frau ist und wir unmittelbar in ihre Gedankenwelt eintauchen, richtet sich das Buch primär an junge Frauen, aber ich hoffe, auch junge Männer begeistern zu können, und ihnen ein Gefühl für die weibliche Innenwelt zu vermitteln.

Warum hast Du Dich dazu entschieden, Inas Geschichte in freien Versen zu erzählen? 

Schreiben ist für mich wie Musik. Ich höre, was ich schreibe, und folge meinem inneren Ohr. Der Rhythmus spielt bei dem Roman eine große Rolle. Ich habe eine knappe, skizzenhafte Erzählform gewählt, um eine Direktheit und Unmittelbarkeit zu schaffen, der sich meine Leser und Leserinnen hoffentlich nicht entziehen können. Die fragmentarische Versform ergab sich intuitiv, weil Ina, meine Hauptfigur, versucht, ihrem Gefühlschaos durch Sprache eine Struktur zu geben.

Was bedeutet der Titel »Beat vor der Eins«?

Der Titel ist einer Zeile aus dem Buch entnommen. Es war zunächst ein Arbeitstitel, aber irgendwann war mir klar, dass er exakt die Gefühlslage meiner Hauptfigur beschreibt. In Inas Leben ist nichts im Fluss, sie hat oft das Gefühl am falschen Ort, zur falschen Zeit zu sein. Sie fühlt sich fremdbestimmt, nicht »eins« mit sich und dem Universum, so als müsse sie einem fremden Rhythmus folgen, der sie immer wieder aus dem Takt wirft, beziehungsweise nie den richtigen Takt finden lässt.

Du hast bereits Theaterstücke, einen Kinderroman, mehrere Bilderbücher und Geschichten zum Vorlesen geschrieben – was ist das Besondere daran, einen Roman für Jugendliche zu schreiben?

Egal welches Genres, entscheidend ist für mich den richtigen Ton zu finden. Insbesondere bei einem Roman für Jugendliche war mir wichtig, Themen zu wählen, die Jugendliche beschäftigen und einen direkten und authentischen Ton zu finden, der ungefiltert und ohne Wertung zu ihnen spricht.

Du beschreibst Deinen Roman als »autofiktional«. Wie viel von Deiner eigenen Jugend steckt in Inas Geschichte? 

Es ist die Sicht eines Teenagers. Natürlich habe ich mich sowohl meiner eigenen Erinnerungen bedient, aber auch viele Gespräche mit Freundinnen und meinen Töchtern geführt. Ich beschreibe die Gefühlswelt eines Teenagers, mit allen Selbstzweifeln, der oft fehlenden Selbstliebe, dem Hang zur Selbstzerstörung, den pubertären Ängsten und immer wiederkehrenden Identitätsfragen.

Dein Roman beinhaltet sensible Themen wie z.B. Essstörungen, Parentifizierung und Missbrauch. Wie bist du während des Schreibens vorgegangen, um diese Themen altersgerecht und dennoch wirksam in deine Geschichte einzuflechten?

 Der Roman ist kein pädagogisches, didaktisches oder moralisches Buch, das den Umgang mit sensiblen Themen oder Problemen aufarbeitet, sondern der Versuch, die chaotische Gefühlswelt eines jungen Menschen so ehrlich und authentisch zu beschreiben wie möglich, um sensible Themen zu thematisieren und hoffentlich einen Diskurs anzustoßen. Ich hoffe, dass alle jungen LeserInnen sich abgeholt und in ihrem Pubertätschaos weniger allein fühlen.

Was erhoffst du Dir, werden (jugendliche) Leser:innen aus Deinem Roman mitnehmen können?

 Ich hoffe, dass Jugendliche sich in ihrer Gefühlswelt verstanden und weniger ausgegrenzt fühlen. Nachsichtiger und liebevoller mit sich umgehen und mein Roman im besten Falle dazu anregt, sich mit Freunden über Tabuthemen auszutauschen. Zum Beispiel die Situation, in der Inas Urlaubsflirt Yann sich neben ihr einen runterholt, ist eine, die viele Frauen kennen, aber kaum darüber sprechen, weil die Scham so groß ist. Männer realisieren oft gar nicht, was für ein Gefühl sie damit bei Frauen auslösen. Bei ihnen ist der sexuelle Druck so groß, dass sie sich befriedigen müssen, und sie glauben, solange sie die Frau nicht anfassen, würden sie nichts Unrechtes tun, weil die Befriedung bei ihnen einem natürlichen Trieb folgt. Dass es bei Frauen das Gefühl von »benutzt« werden und ein echtes Trauma auslösen kann, ist vielen Männern sicher nicht bewusst. Der animalische Trieb eines Mannes macht Frauen Angst.

Welches Buch liegt gerade auf Deinem Nachttisch? 

 Auf meinem Nachttisch liegt zurzeit »Love Letters«, ein Briefwechsel zwischen Virginia Wolff und Vita Sackville West. Ich liebe Biografien und ganz besonders Briefwechsel, weil sie mich unmittelbar in die Zeit des Schreibenden versetzen.

Ein Buch, das eigentlich immer auf meinem Nachttisch liegt, sind die »Briefe an einen jungen Dichter« von Rainer Maria Rilke. Für mich eines der wertvollsten Schriftstücke. Für mich eine Art Lebensbibel, das ich allen jungen Menschen ans Herz legen möchte.

Und welches Buch hast Du als Kind gerne gelesen?

Eines meiner Lieblingsbücher als Kind war »Ronja Räubertochter« von Astrid Lindgren. Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Meine damals beste Freundin und ich sind tagelang in der Natur herumgestromert. Wir sind morgens mit dem Rucksack losgezogen und haben uns treiben lassen, so lange, bis wir den für uns perfekten Ort zum Picknicken gefunden hatten. Das Gefühl von Freiheit und Abenteuer, das ich damals empfunden habe, hat mich fürs Leben geprägt.